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Was Pflegekräfte wirklich wollen, und warum die Pflegereform 2026 die falsche Frage stellt

In Berlin wird seit Wochen über die Pflegereform 2026 gestritten. Ministerin Warken hat angekündigt, dass in den Pflegekassen für 2027 und 2028 zusammen rund 22,5 Milliarden Euro fehlen werden. Die Antwort darauf ist ein Bündel aus strengeren Voraussetzungen bei den Pflegegraden 1 bis 3, höheren Beiträgen und einer Neuordnung von Einzelleistungen. Sozialverbände protestieren. Pflegekassen protestieren. Familien protestieren. Was in der Debatte fast vollständig fehlt, ist die Stimme derer, ohne die das gesamte System nicht funktioniert: der Pflegekräfte selbst.
 
Genau diese Lücke hat die Jobplattform Pflegia vor ein paar Tagen geschlossen. Sie hat über 101.000 Pflegekräfte gefragt, worauf es ihnen bei der Wahl ihres nächsten Arbeitgebers wirklich ankommt. Die Antworten sollten im Bundesgesundheitsministerium eingerahmt im Flur hängen.
 
Drei Antworten, die die Branche seit Jahren ignoriert
 
Auf dem ersten Platz steht Arbeitsplatzsicherheit. 21 Prozent der Befragten nennen sie als wichtigsten Faktor. Auf Platz zwei folgt ein guter Pflegeschlüssel mit 13,22 Prozent. Auf Platz drei familienfreundliche Arbeitsmodelle mit 13,01 Prozent. Gute Bezahlung landet erst auf Platz vier mit rund acht Prozent.
 
Wer das liest und meint, das sei wenig überraschend, soll bitte einen Blick auf den letzten Platz werfen. Dort steht, mit gerade einmal 0,36 Prozent, das elektronische Dokumentationssystem. Bundesweit sind 140 verschiedene davon im Einsatz, viele Häuser nutzen mehrere parallel, manche dokumentieren nebenher noch auf Papier.
 
Die Branche investiert genau dort Millionen, wo es den Beschäftigten am wenigsten ausmacht. Das ist nicht falsch, es bringt nur niemanden zur Bewerbung.
 
Pflegia-Gründer Felix Westphal hat in der Studie einen Satz gesagt, den ich seit Tagen mit mir herumtrage. Sinngemäß: Erst wenn Dokumentation im Hintergrund reibungslos zusammenläuft, gewinnt Pflege wieder Zeit für das, worum es eigentlich geht, die Versorgung des Klienten. Genau das ist der Punkt. Software ist Mittel, kein Zweck. Wer den Beruf attraktiv machen will, muss am Beruf selbst arbeiten, nicht an seinen Werkzeugen.
 
Was die Reform übersieht
 
Die Pflegereform 2026 versucht ein finanzielles Loch zu stopfen. Das ist verständlich, denn die Beträge sind real. Sie ändert aber nichts an dem zweiten, viel größeren Loch, das sich gerade auftut. Bis 2030 fehlen in Deutschland rund 500.000 Vollzeit-Pflegekräfte. Die Arbeitsmarktreserve in der Pflege liegt heute bei 2,0 Prozent, im Jahr 2027 wird sie nur noch 1,0 Prozent betragen, 2030 dann 0,5 Prozent. Parallel steigt die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 auf rund 6,2 Millionen. Das sind 600.000 mehr als heute.
 
Wir können diese Lücke nicht durch Beitragserhöhungen schließen. Wir schließen sie nur, wenn deutlich mehr Menschen in den Beruf einsteigen und vor allem im Beruf bleiben. Beides funktioniert aktuell nicht gut genug. In der Pflegefachausbildung bricht etwa jeder Dritte vorzeitig ab, bei der Pflegehilfe sind es noch deutlich mehr. Von 64.300 neuen Auszubildenden im Jahr 2025 bleiben am Ende vielleicht 40.000 übrig. Das ist nicht das Ergebnis einer schlechten Werbekampagne, das ist das Ergebnis von Bedingungen, unter denen junge, engagierte Menschen nach zwei Jahren resignieren.
 
Ich kenne kaum eine Pflegerin, die ihren Beruf nicht ursprünglich aus den richtigen Gründen gewählt hat. Was sie vertreibt, sind nicht die Klienten und nicht die Familien. Was sie vertreibt, ist die Akkordlogik, in die ihr Arbeitstag zerlegt wird, die ständige Vertretung im Wochenplan und das Gefühl, am Ende der Schicht nichts wirklich getan zu haben, was sie ursprünglich tun wollten.
 
Wie wir bei Humanika arbeiten, und warum das auf die Pflegia-Zahlen passt
 
Humanika gibt es seit über 18 Jahren. Wir sind auf ambulant betreute Senioren- und Demenz-Wohngemeinschaften in Nordrhein-Westfalen spezialisiert, aktuell an mehr als 21 Standorten, Tendenz weiter steigend. Wir haben unser Modell nicht nach der Pflegia-Studie gebaut, das wäre absurd. Aber wenn ich die drei Top-Faktoren der Studie nehme und sie neben unsere operative Realität lege, dann passt es an drei Stellen erstaunlich genau.
 
Sicherheit kommt bei uns aus Wachstum. 
 
Allein in den nächsten Monaten eröffnen wir das Hybrid Quartier in Hamm, dazu Neubauprojekte in Dorsten und Marl. Wer bei Humanika anfängt, weiß, dass es in zwölf Monaten nicht weniger Häuser gibt, sondern mehr. Das ist in einer Branche, in der einzelne Träger insolvent gehen und Übernahmen den Alltag bestimmen, kein Selbstläufer.
 
Unser Pflegeschlüssel liegt bei 1:6
 
Eine Fachkraft auf sechs Klienten. Das ist nicht der Branchendurchschnitt, und es ist auch keine PR-Zahl. Es ist die operative Voraussetzung dafür, dass eine Pflegerin morgens noch die Zeit hat, sich hinzusetzen, eine Hand zu nehmen und zuzuhören. Wer den Pflegeschlüssel kennt, weiß, dass jede Erhöhung der Betreuungsquote auf 1:8 oder 1:10 genau das wegnimmt, was Menschen in den Beruf zieht.
 
Unsere Wohngruppen sind klein. 
 
Acht bis zwölf Klienten, überschaubare Teams, planbare Dienste. Das macht den Unterschied, ob die Kita-Abholung um halb fünf jeden Mittwoch eine private Krise auslöst oder ob der Dienstplan zur Lebensrealität der Pflegekraft passt. Familienfreundlichkeit entsteht nicht durch einen Satz im Stellenanzeige-Footer, sie entsteht durch eine Entscheidung über Gruppengröße und Schichtarchitektur. Diese Entscheidung haben wir vor Jahren getroffen.
Bei der Digitalisierung folgen wir der gleichen Logik wie die Pflegia-Studie nahelegt. Hausnotruf, Sturzerkennung, intelligente Assistenzsysteme. Alles im Hintergrund, alles im Dienst der Pflegekraft, nichts, was sie zwingt, vor dem Bildschirm zu sitzen statt am Bett.
 
Was das für die Branche bedeutet
 
Mir geht es in diesem Text nicht darum, Humanika besonders zu loben. Mir geht es darum, einen Zusammenhang sichtbar zu machen, den die aktuelle Reformdebatte ausblendet.
 
Wenn 21 Prozent der Pflegekräfte sagen, dass Arbeitsplatzsicherheit für sie der wichtigste Faktor ist, dann ist es ein Fehler, das Thema einer Pflegereform um die Beitragsbemessung zu reduzieren. Sicherheit für die Beschäftigten entsteht in stabilen Trägerstrukturen mit Perspektive, nicht in den Pflegekassen-Defiziten.
 
Wenn 13 Prozent einen besseren Pflegeschlüssel verlangen, hilft kein Pflegekompetenzgesetz, das Fachkräften mehr Aufgaben zuweist, ohne ihnen mehr Zeit zu geben. Es hilft nur, wenn Häuser bewusst kleiner gedachte Versorgungseinheiten bauen.
 
Wenn 13 Prozent familienfreundliche Modelle wollen, hilft auch hier keine politische Maßnahme. Es hilft nur, dass Träger ihre Schichten so legen, dass Familien daran nicht zerbrechen.
 
Wenn die Branche das ernst nimmt, ändern sich zwei Dinge. Erstens kommen wieder mehr junge Menschen in die Ausbildung, weil sie sehen, dass am Ende ein Beruf wartet, der ihre Lebensplanung trägt. Zweitens bleiben sie. Eine Senkung der Abbruchquote in der Pflegefachausbildung um zehn Prozentpunkte würde bei 64.000 Anfängern jährlich grob 6.400 Pflegekräfte mehr ausspucken, die tatsächlich im Beruf landen. Über zehn Jahre summiert sich das selbst bei vorsichtiger Schätzung in einen Bereich, der die prognostizierte Lücke spürbar verkleinert. Ohne dass ein einziger neuer Ausbildungsplatz geschaffen werden müsste.
 
Zum Schluss
 
Die Pflegereform 2026 ist notwendig, sie reicht aber nicht. Die Pflegia-Studie hat dem ganzen Sektor einen Spiegel hingestellt, und das Bild ist hilfreich, auch wenn es unbequem ist. Wer den Pflegeberuf wieder attraktiv machen will, muss bei den Bedingungen ansetzen, nicht bei der Bezahlung allein und schon gar nicht bei der Software.
 
Wir bei Humanika setzen schon lange dort an. Nicht, weil es einfach ist, sondern weil es funktioniert. Für unsere Klienten, für ihre Angehörigen, und vor allem für die Menschen, die jeden Tag bei uns Pflege leisten. Wenn die Branche und die Politik diesen Weg mitgehen, bekommen wir 2030 ein anderes Bild als das, das uns heute vorgerechnet wird.
 
Wer mitbauen will, ist eingeladen. Pflegefachkräfte, Bürofachkräfte und Auszubildende finden unsere offenen Stellen unter humanika-wohnen.de/karriere-humanika. Telefonisch sind wir unter 0231 58 68 78-0 erreichbar.
 
Autor: Svetoslav Markov, Geschäftsführer Humanika Unternehmensgruppe
 
Quellen
  1. ZDFheute, „Ministerin Warken kündigt Einschnitte bei der Pflege an". zdfheute.de/politik/deutschland/pflege-altenpflege-warken-kosten-defizit-100.html
  2. Deutscher Bundestag, „Pflegekompetenzgesetz und Sparpaket verabschiedet", Textarchiv KW 45/2025. bundestag.de
  3. Pflegenot Deutschland, „Personalmangel Pflege 2026". pflegenot-deutschland.de
  4. Statistisches Bundesamt, „Pflegekräftevorausberechnung". destatis.de
  5. Deutsches Ärzteblatt, „2030 fehlen circa 500.000 Pflegekräfte". aerzteblatt.de
  6. Bibliomed Pflege, „Sorge um dramatische Abbrecherquoten in der Pflegeausbildung". bibliomed-pflege.de
  7. CareTRIALOG, „Pflege-Digitalisierungsanalyse: Bundesweit über 140 Dokumentationssysteme im Einsatz", Tanja Ehret, 27.05.2026. Basis: Pflegia-Befragung. caretrialog.de
 
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